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Wie Prof. Dr. Christian Eggers die Kinderpsychiatrie in Essen etablierte

Er folgte 1979 dem Ruf des damaligen Wissenschaftsministers Johannes Rau hierher nach Essen. Als renommierter Kinderpsychiater und Facharzt für Kinderheilkunde sollte Prof. Dr. Christian Eggers eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gründen.

Da war er gerade 39 Jahre alt. Er nahm die Herausforderung an und erinnert sich lebhaft: „Kinderpsychiatrie war damals noch etwas völlig Fremdes. Der Verwaltungschef der Uni-Klinik wollte, dass die Kinder mit gefalteten Händen im Bett liegen. Kinder!“

Prof. Dr. Christian Eggers
Prof. Dr. Christian Eggers

Fand Prof. Dr. Eggers zu Beginn eine leere Etage vor, gibt es heute neben dieser Station in der Uni-Klinik Essen auch eine Tagesklinik mit 21 Betten, für die er elf Jahre „kämpfen und betteln musste“, sowie eine weitere Tagesklinik in Mülheim und eine mit der Klinik verbundene Drogenstation. Mehr und mehr Kinder- und Jugendpsychiater lassen sich seitdem in Essen und Umgebung nieder.

Als Experte für kindliche Schizophrenie, mit der er sich seit seiner Dissertation beschäftigt, machte sich Prof. Dr. Eggers einen Namen in der Psychopathologie, die seit Karl Jaspers eine lange Tradition in Deutschland hat.

„Psychisch schwerwiegende Erkrankungen wie die Schizophrenie, kann man nicht rein biologistisch betrachten“, so die Ansicht des Professors. Es gehöre vielmehr dazu, das Krankheitsbild ausführlich in all seinen Ausprägungen zu beschreiben und behandeln.

Prof. Dr. Eggers über Schizophrenie

Die Wahrscheinlichkeit im Laufe seines Lebens an Schizophrenie zu erkranken liege bei einem Prozent. Das klingt zunächst so, als sei das Erkrankungsrisiko doch relativ gering, doch allein für Deutschland bedeutet dies, dass etwa 800.000 Menschen an dieser psychischen Erkrankung leiden.

Entgegen der verbreiteten Ansicht, bei Schizophrenie handele es sich um eine gespaltene Persönlichkeit à la Dr. Jekkyll und Mr. Hide, hebt Prof. Dr. Eggers folgenden Aspekt hervor:

 „Während Menschen wie wir Eindrücke unserer Umwelt filtern und uns beispielsweise auf Gesagtes konzentrieren können und das Übrige nur unterbewusst wahrnehmen, ist der Reizschutz bei schizophrenen Menschen defekt. Das bedeutet, dass Reize aus der Umgebung nicht ihrem Bedeutungsgehalt gemäß wahrgenommen und ausgewählt werden können. Stattdessen strömt in der akuten Erkrankungsphase eine Vielzahl von Signalen ungefiltert in das Gehirn des Betroffenen ein, sodass dessen Verarbeitungskapazität regelrecht zusammenbricht.“

Fachleute wie er sprechen dabei vom ‚Gating-Defizit’. ‚Gating’ – von englisch gate, für deutsch Tor ­–­ verstehen sie als die Fähigkeit, das Tor für eintreffende externe oder interne sensorische Signale – also zum Beispiel Reize vom laufenden Radio bis zum Magengrummeln – je nach Relevanz entweder zu öffnen oder zu schließen.

Ein ‚Gating-Defizit’ bedeutet, nicht darüber entscheiden zu können, welche Information als bedeutsam durchgelassen oder als irrelevant ausgeschlossen wird und damit unbeachtet bleibt. Signale aus der Umwelt können so nicht richtig eingeordnet und realitätsgerecht interpretiert werden.

Dieser undichte Reizfilter wird medikamentös mit Neuroleptika behandelt. Diese sollen den Reizfilter abschirmen und so der Reizüberflutung – dem ‚sensoric-overload’ – des Gehirns entgegen wirken. Diese Reizüberflutung bereitet den Boden für Sinnestäuschungen wie optische oder akustische Halluzinationen.

Solche Trugwahrnehmungen und Wahnvorstellungen, wie beispielsweise der vielen bekannte Verfolgungswahn, sind natürlich mit starken Ängsten verbunden. Entsprechend müssen Betroffene ganzheitlich behandelt werden – sowohl medikamentös wie auch psychotherapeutisch.

Damit seien weder die vielen Facetten des Krankheitsbildes noch die vielfältigen Ursachen, Verlaufsweisen und Behandlungsmöglichkeiten auch nur annähernd erfasst, betont Prof. Dr. Eggers. Weitergehend Interessierte verweist er daher auf sein 2011 erschienenes Buch „Schizophrenie des Kindes – und Jugendalters“.

 

Wie kann den betroffenen Menschen geholfen werden?

Eine schizophrene Psychose könne bereits ab dem Alter von etwa sieben bis acht Jahren einigermaßen sicher diagnostiziert und damit auch frühzeitig behandelt werden.

Zur Behandlung gehört nach Prof. Dr. Eggers eine individuelle Psychotherapie, Familientherapie, Einzel- und Gruppentherapie, Kreativtherapie (entwicklungs- und psychodynamisch orientierte Ergotherapie) sowie die Psychopharmakotherapie.

Eine stationäre Therapie wie sie Prof. Dr. Eggers in der Essener Klinik aufbaute, soll den Kindern und Jugendlichen ein hohes Maß an Alltagsstrukturierung und Hilfe bei der Bewältigung des täglichen Lebens bieten.

Besonders wichtig ist dem Kinderpsychiater die Zusammenarbeit mit den Angehörigen, die mit Ängsten, Sorgen und oftmals auch Gefühlen extremer Verunsicherung und Verzweiflung zu kämpfen haben.

„Diese therapeutisch-pädagogischen Bemühungen müssen lange genug, in der Regel jahrelang durchgeführt werden, um eine optimale Stabilisierung der jungen Patienten zu erreichen“, sagt Prof. Dr. Eggers. Ein Drittel von ihnen könne schließlich geheilt werden. Bei den übrigen sei der Verlauf allerdings weniger günstig: häufiger Rückfälle sowie kognitive und motivationale Beeinträchtigungen. Gerade diese Patienten müssten lernen, mit der Erkrankung bestmöglich zu leben."

Von der Klinik zur Prof. Dr. Christian Eggers-Stiftung

Um unter Schizophrenie leidenden Kindern und Jugendlichen eine weiterführende intensive Betreuung bieten zu können, gründete er 1997 die Prof. Dr. Eggers-Stiftung.

„Sie fallen in ein Loch, wenn sie aus der Klinik kommen. Eine lediglich mehrwöchige Behandlung reicht einfach nicht aus. Sie sollten auch nicht woanders hin, weit weg vom Heimatort geschickt werden – die jungen Menschen sollten in ihrem sozialen Umfeld bleiben, in der Nähe zu ihren Familien und Freunden. Und dazu brauchte ich eine Institution, in der sie zwei Jahre lang intensiv betreut werden können.“

In dieser Zeit gelte es, all das, was in der Klinik begonnen wurde, fortzuführen, um die bisher erreichten Behandlungserfolge zu festigen. Innerhalb der Stiftung geschehe dies ein Form einer therapeutisch-pädagogischen Wohngruppe mit dem Ziel einer allmählichen Verselbständigung und Re-Integration der jungen Menschen.

Dazu gehöre,  das Risiko für einen erneuten Krankheitsausbruch zu mindern und eine mögliche Chronifizierung der Psychose zu verhüten.

„Werden sie nicht betreut, besteht die Gefahr, dass 70 bis 80 Prozent der im Jugendalter erkrankten Patienten innerhalb von drei Jahren einen Rückfall erleiden“, so Prof. Dr. Eggers.

„70 Prozent haben ohne Betreuung noch mit 30 Jahren keine abgeschlossene Berufsausbildung und sind auf finanzielle Unterstützung durch Familie, Jugend- oder Sozialhilfe, Arbeitsagentur oder Rentenversicherungsträger angewiesen.“

Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung liegt damit auch im gesellschaftlichen, wirtschaftspolitischen Interesse. „Wir müssen zu einem präventiven Handeln kommen“, sagt Prof. Dr. Eggers, und dazu dürfe die Politik nicht in Amtszeiten denken.

Ursprünglich hoffte der engagierte Jugend-Psychiater auf eine Zusammenarbeit mit den Krankenkassen, doch die betrachteten seine Arbeit als Rehabilitation, die sie nicht unterstützen wollten. Auch anderen Einrichtungen war das Risiko für eine Kooperation zu hoch.

„Dann hab’ ich den heiligen Zorn gekriegt“, sagt Prof. Dr. Eggers leidenschaftlich. So brachte er die 100.000 D-Mark für die Gründung der Stiftung eben selbst auf. Doch was dann? Er hatte ein Haus für die Kinder in Aussicht, es kostete 685.000 Mark, plus Umbaukosten in gleicher Höhe – und er hatte Glück: über den damaligen Oberbürgermeister der Stadt Dr. Wolfgang Reiniger konnte er Kontakt zur Alten- Behinderten- und Jugendförderung der Sparkasse Essen sowie zur Alfred-Krupp-und-Friedrich-Alfred-Krupp-Stiftung aufbauen.

Auch ‚Aktion Mensch’ und andere Organisationen standen hinter seinem Projekt, sodass er am Ende 1,5 Millionen Mark für Erwerb und Umbau des Hauses zusammen bekam.

Bürgerinitiative gegen ‚Verrückte’ in der Nachbarschaft

So kurz vor dem Ziel, endlich die therapeutische Wohngruppe errichten zu können, bildete sich „eine sehr aggressive Bürgerinitiative“ gegen das heutige Haus ‚Trialog’ an der Alexanderstraße, erzählt Prof. Dr. Eggers.

„Die Menschen waren voller Vorurteile. Sie hatten Angst und wollten nicht mit psychischen Erkrankungen konfrontiert werden. Es erinnert sie daran, dass wir alle verrückte und oftmals verpönte Anteile in uns haben. Angst hatten sie aber auch davor, dass der Wert ihrer Immobilie durch das Projekt der Stiftung in ihrer Nachbarschaft sinken würde.“

Doch mit politischer Unterstützung durch die Stadt Essen konnte Prof. Dr. Eggers sein Ziel letztlich doch etablieren. „Zur Eröffnung habe ich die Nachbarn angeschrieben – und alle kamen.“

Am 1. Oktober 2002 konnten die ersten von acht Zimmern bezogen werden. Seitdem sind sie immer belegt: „Wir haben mehr Anfragen als wir bedienen können“, sagt Prof. Dr. Eggers, „von überall aus Deutschland. Doch es ist wichtig, dass die räumliche Entfernung nicht zu weit ist, damit wir die Angehörigen miteinbinden können.

Denn für Eltern stellt diese Krankheit ja eine existenzielle Katastrophe dar. Es ist typisch und tückisch, dass sie sich oft selber die Schuld für die Erkrankung geben.“ Alle vier Wochen hält der Experte ein Angehörigenseminar in seiner Stiftung ab.

Es dient auch dazu, über die Erscheinungsweisen und den Verlauf der Erkrankung aufzuklären sowie über Ursachen, therapeutischen Optionen und Behandlungsziele der Betroffenen zu informieren.

Was die Prof. Dr. Eggers-Stiftung leistet


Pro Bewohner des Hauses ‚Trialog’ gibt es dort einen Betreuer – einen Sozialpädagogen, Erzieher, eine Krankenschwester- oder Krankenpfleger. Und der Anspruch an ihre Qualifikation ist hoch, denn sie müssen ein weites Feld abdecken:

 „Die Kinder und Jugendlichen lernen dort für uns Selbstverständliches: pünktlich aufzustehen, öffentliche Verkehrsmittel sinnvoll zu nutzen. Sie lernen das Einhalten von Hygiene, von Ordnung, sie üben höflichen Umgang mit Mitbewohnern und Betreuern – auch in Konfliktsituationen.

Ebenso gehört eine gesunde Ernährung dazu, die schon mit dem Planen von Einkäufen beginnt. Sie lernen verantwortungsvoll mit Finanzen umzugehen – alles mit dem Ziel, das eigene Leben allmählich selbstständig gestalten, Bedürfnisse adäquat befriedigen und den Alltagsanforderungen gerecht werden zu können.“

Zum Alltag gehört für die meisten von uns auch die Teilnahme an der Gesellschaft durch Arbeit. In einer Kooperation mit der VHS in Essen konnte die Prof. Dr. Eggers-Stiftung einen Lehrgang schaffen, der es den betreuten jungen Leuten trotz der schwerwiegenden psychosebedingten Einschränkungen und Handicaps ermöglicht, den Hauptschulabschluss oder sogar die Fachoberschulreife zu erreichen.

„Einige Teilnehmer haben das Abitur am Abendgymnasium gemacht und sind in der Lage ein Universitätsstudium ihrer Wahl zu absolvieren“, sagt Prof. Dr. Eggers. Er liest uns einen Brief von Eltern eines Patienten vor, die nach den ersten Jahren der Erkrankung nicht mehr daran geglaubt hatten, dass ein ‘normales’ Leben für ihren Sohn möglich sein würde.

Doch während des betreuten Wohnens in der Stiftung konnte er am Abendgymnasium sein Abitur nachholen und begann dann ein Studium der Wirtschaftsinformatik. Dafür danken sie dem Professor und seinem Team sehr.

„Etwa 70 Prozent der im Haus ‚Trialog’ betreuten jungen Menschen wechseln nach der zweijährigen Intensivbetreuung in eine der von uns gegründeten sozialtherapeutischen Wohngruppen“, erläutert der Professor.

Dort haben sie die Möglichkeit, bis etwa zum dreißigsten Lebensjahr weiter gefördert zu werden. So lange bis sie in der Lage sind, ihr Leben eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu gestalten.

Dritte Mannschaft von Rot-Weiss Essen

Eines der Stiftungsprojekte, die sich „als sinnvolle Maßnahme“ erwiesen hat, ist die eigene Fußballmannschaft: Die dritte Mannschaft des Traditionsclubs Rot-Weiss Essen – „ein Glücksfall“, so Prof. Dr. Eggers. „Das gemeinsame Fußballspielen wirkt sich positiv auf Kontaktstörungen aus, die bei den Betroffenen besonders ausgeprägt sind“, erklärt er.

    „Die für die Erkrankung typische Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit und des zielorientierten, planenden Denkens und Handelns werden dabei positiv beeinflusst und spielerisch trainiert. Denn um erfolgreich zu sein, muss der Spieler sich in die Denk- und Handlungsweisen des Gegenspielers einfühlen und dessen Spielzüge vorausahnen können, um dann seine Aktionen vorausplanend auszurichten.“

Für Prof. Dr. Christian Eggers und seine Mitstreiter ist dies ein weiterer Schritt zu einer ‚echten’ Integration, bei der es um „Akzeptanz und Wertschätzung von Verschiedenheit und Besonderheit, also des Anders-Seins“ geht. In seiner Rede, die er anlässlich des diesjährigen Fußballturniers im Stadion hielt, wendet er sich „gegen die immer noch weit verbreitete Stigmatisierung und Entwertung von jungen Menschen, die an einer schizophrenen Psychose leiden.“ Worte daraus:


„Und wenn wir unsere Mitmenschen als Weg- und Spielgefährten achten und wertschätzen, bei allen Eigenheiten, Unterschieden und Schwächen, dann ist ein friedvolles Zusammenleben möglich – das gilt für sogenannte Migranten, Muslime, Juden und Angehörige anderer Religionsge­meinschaften, für alle, die uns fremd erscheinen, andere Sitten und Gewohnheiten oder eine andere sexuelle Orientierung haben, anders denken und fühlen, als wir es gewohnt sind.

[...] Jeder hat das Recht, ein individuelles Wesen zu sein, das sich von anderen unterscheidet, und er braucht sich seiner individuellen Eigenart und Verschiedenheit, und sei sie noch so ‚verrückt’, nicht zu schämen.“

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