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Was zählt ist die Begegnung

Der gebürtige Schleswig-Holsteiner Prof. Asmus Finzen arbeitete zuletzt als stellvertretender ärztlicher Direktor der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.
Der gebürtige Schleswig-Holsteiner Prof. Asmus Finzen arbeitete zuletzt als stellvertretender ärztlicher Direktor der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Es ist, wie es ist: Warum sich Entstigmatisierung schlecht verordnen lässt und teure Informationskampagnen oft ins Leere laufen - und was doch gegen Diskriminierung wirkt - Ein Artikel von Verena Liebers 

Buch "Stigma psychische Krankheiten" von Prof. Asmus Finzen
Buch "Stigma psychische Krankheiten" von Prof. Asmus Finzen

Groß angelegte Anti-Stigma-Kampagnen haben bisher kaum, wenn nicht sogar gegenteilige Effekte gebracht. Wir können ihm nicht entgehen, dem Stigma, zu Deutsch Brandmal, ist Asmus Finzen überzeugt. Wir können nur lernen, damit umzugehen, so der Sozialpsychiater, der sich in seinem aktuellen Buch des Themas „Stigma psychische Krankheit" angenommen hat.

Was tun? Der Kinder- und Jugendpsychiater Christian Eggers hatte bereits 2011 dargestellt, wie sich Stigmatisierung zu einer zweiten Krankheit ausbilde. Er setzt selbst auf gezielte Einzelprojekte, die er fördert.

Wer eine Hasenscharte hat, gehört genauso wenig zum Durchschnitt wie ein psychisch Erkrankter.

Dabei tun sich allerdings doch Unterschiede auf: Während die körperliche Veränderung für jeden zu sehen und damit auch leichter zu fassen ist. lassen sich psychische Probleme nur aus dem Verhalten ableiten.

Zudem gibt es fließende Übergänge zwischen verschrobenen Charakteren und ernsthaft Erkrankten. Verständnis wird bisher noch am ehesten dem Depressiven entgegengebracht, so Finzen, auch wenn im allgemeinen Sprachgebrauch vielfach die gesunde Trauer mit der tiefen Trostlosigkeit der Depression, verwechselt wird.

Schizophrenie dagegen kennen viele überhaupt nur aus Presseberichten über Gewalttaten. Entsprechend schlecht ist das Bild von den Betroffenen.

Obwohl Statistiken belegen, dass die Anzahl der Verbrecher unter schizophren Erkrankten nicht gegenüber dem Durchschnitt erhöht ist, besteht dieses Vorurteil in vielen Köpfen.

Buch "Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter" von Prof. Dr . Christian Eggers
Buch "Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter" von Prof. Dr . Christian Eggers

Bei „Rot-Weiß Essen" wird jetzt ganz offiziell gemeinsam um Tore gerungen

Dass die Stigmatisierung ganz besonders Personen betrifft, die als schizophren diagnostiziert wurden, hat Christian Eggers bereits eindrücklich in seiner Monographie „Die Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter" (201I) beschrieben (siehe Rezension EPPENDORFER 7+8/2011).

Der ehemalige Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Essen und Begründer eines Wohnprojekts für psychotisch erkrankte Jugendliche zeigt in seinem über 500 Seiten dicken Standardwerk sehr differenziert, wie sich die Stigmatisierung zu einer zweiten Krankheit ausbildet.

Gerade junge Menschen übernehmen die abwertende Sichtweise der Umgebung, fühlen sich schuldig und beschämt, ohne den Grund zu verstehen.

Eggers plädiert daher vehement dafür, die Betroffenen in ihrer individuellen Art zu akzeptieren und damit die Grundlage für eine Weiterentwicklung zu schaffen. Christian Eggers hat deshalb auch in Zusammenarbeit mit der VHS ein Weiterbildungsprojekt initiiert, das speziell auf psychotisch erkrankte Jugendliche zugeschnitten ist.

Schule schwänzen und schlechte Noten sind vielfach nur die Folge einer Überforderungssituation, keinesfalls einer verringerten Intelligenz.

Lehrer, die die Not hinter dem scheinbar abweisenden Verhalten verstehen, können Brücken bauen und Stress reduzieren. Dass dies der richtige Weg ist, zeigen die bisherigen Erfolge: Unterdessen gibt es schon Teilnehmer, die das Abitur geschafft und den Sprung zur Universität gewagt haben.

Ein weiteres Projekt der Dr. Eggers-Stiftung wurde gerade 2013 mit dem 1. Preis der Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie Rheinland ausgezeichnet: Der Verein Rot-Weiß Essen har eine offizielle 3. Fußballmannschaft in seinen Spielbetrieb aufgenommen. die aus Menschen mit und ohne psychische Behinderung besteht.

Im Sport können sich die Spieler auf gleicher Augenhöhe begegnen und beim gemeinsamen Kampf um die Tore ihr Selbstwertgefühl stärken.

Christian Eggers ist dabei unermüdlicher Mentor der Erkrankten, die in seinen Augen faszinierende Menschen mit besonderen Begabungen sind und die die Vielfalt der Welt bereichern. Ganz im Sinne des berühmten englischen Kinderarztes und Psychotherapeuten Donald W. Winnicott vertritt Essers die Ansicht: „Wir sind in der Tat arm, wenn wir nur gesund sind".

Obwohl Einzelpersonen wie Christian Eggers, die sich für Ausgegrenzte öffnen, ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein scheinen, liegt hier wahrscheinlich das größte Potential.

Sowohl Eggers als auch Finzen resümieren, dass groß angelegte Anti-Stigma-Kampagnen bisher kaum, wenn nicht sogar gegenteilige Effekte gebracht haben. Studien haben gezeigt, dass zwar das Wissen über psychische Krankheiten in der Öffentlichkeit zugenommen hat, gleichzeitig sind aber auch die Vorurteile gestiegen.

Auffallend ist, dass sich gerade in der Berufsgruppe der Ärzte besonders viele Vorurteile zeigen. Asmus Finzen und Christian Eggers stellen jeweils schlüssig dar, wie es dazu kommen kann.

Wenn sich eine Gesellschaft als Gemeinschaft empfinden will, braucht sie notwendigerweise Außenstehende, von denen sie sich abgrenzt.

Das Böse, das Dunkle, die eigenen abgewehrten Anteile werden dann auf diejenigen projiziert, die dem allgemeinen Gleichschritt zuwiderlaufen. „Vielfach ist auch Neid auf die besonderen Begabungen im Spiel", ist Eggers überzeugt. Seelenblind nennt er die Menschen, die sich nicht in andere einfühlen können, weil ihre eigene Entwicklung nur unvollständig verlief.

Sie müssen das Andersartige abwehren, um selbst nicht verunsichert zu werden. Asmus Finzen bringt es deshalb in seinem Buch auf den Punkt, wenn er sagt, dass es aussichtslos ist, die Gesellschaft als solche verändern zu wollen. Das bedeutet aber nicht, dass jede Maßnahme gegen Diskriminierung sinnlos ist. Vielmehr geht es darum, im kleinen Rahmen in der Gemeinde und Nachbarschaft, Begegnungsmöglichkeiten zwischen Gesunden und Erkrankten zu schaffen.

Wer einen psychisch Erkrankten als engagiertes Mitglied seiner Fußballmannschaft erlebt hat, wird sich schnell vom Bild des wirren Attentäters lösen. Persönliche Begegnung und Gefühle sind der Schlüssel zur Veränderung, nicht Information allein.

Neurobiologen haben längst entschlüsselt, dass Veränderungen immer Emotionen als Ausgangspunkt haben (siehe auch „Wer sich ändern will, muss fühlen", EPPENDORFER 6/2012). Auch der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat mehrfach darauf hingewiesen: „Das Schlüsselwort heißt Aktivierung der emotionalen Zentren."

Im Hinblick auf Lernprozesse ist Hüther überzeugt, dass auch ein 85-Jähriger noch chinesisch lernen kann, „…wenn er sich zum Beispiel nochmal in eine hübsche 75-jährige Chinesin verlieben würde" (Gerald Hüther im Interview mit dem Rheinischen Merkur).

Ob Sprachfertigkeit oder Abbau von Vorurteilen, lernen wird jeder nur das, was ihn emotional berührt. Statt Informationskampagnen brauchen wir also Möglichkeiten, uns für etwas zu begeistern. Persönlicher Kontakt zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ist dafür die beste Voraussetzung.

Zu bedenken ist, dass psychisch Erkrankte sich stets in einem doppelten Spannungsfeld befinden, wie Asmus Finzen herausstellt. Sie müssen sich entscheiden, ob sie von ihrer Krankheit erzählen, mit der Konsequenz ausgegrenzt zu werden, oder die Diagnose verschweigen.

Wenn sie schweigen, schaffen sie allerdings eine deutliche Distanz zwischen sich und den anderen, denn wer sich nicht vertrauensvoll offenbart, kann nicht erkannt werden. Asmus Finzen weist auch daraufhin, dass aus der Information „angeboren" oft die falschen Schlüsse gezogen werden.

Trotz genetischer Veranlagung bestehen Möglichkeiten, eine Krankheit durch Therapie zu beeinflussen, wenn vielleicht auch nicht zu heilen.

Immer wieder betont der Arzt Finzen. dass Schizophrenie im Allgemeinen gut zu behandeln ist. Medikamentöse und therapeutische Maßnahmen bieten Raum für hoffnungsvolle Prognosen. Wenig hilfreich ist dagegen die Suche nach einem Schuldigen. Ohnehin gilt für fast alle (psychischen) Krankheiten, dass sie multikausal bedingt sind.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und weder ein bestimmtes Gen noch die lange beschworene versagende Mutter eine Schizophrenie. Trotzdem muss das Zusammenwirken aller Faktoren im Rahmen einer Behandlung berücksichtigt werden.

Autonom bleiben ist vielleicht für alle Beteiligten der beste Ratschlag, so Finzen. Angehörige wie Ärzte werden Fehler machen, und Patienten kennen sich am Anfang der Erkrankung im Grunde selbst nicht mehr. Nicht anders als bei Diabetes müssen alle Beteiligten den Umgang mit der Situation lernen, geduldig sein und Vorurteilen mutig entgegentreten. Asmus Finzen ruft mit seinem Buch dazu auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Die Stigmatisierung lässt sich nicht wegzaubern, aber das ist kein Grund zur Verzweiflung. Die Betroffenen können lernen damit umzugehen und Vorurteile zu überwinden.

Inklusive Gruppen sind ein wichtiger Schritt voran, deswegen haben Projekte wie der preisgekrönte Fußballclub in Essen Modellcharakter.

Während die Monographie von Christian Eggers Pflichtlektüre für jeden Arzt ist, der mit schizophren Erkrankten arbeitet, stellt Asmus Finzen die Zusammenhänge psychischer Krankheit und ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung in den Vordergrund.

Mit anschaulichen Beispielen macht er klar, dass Vorurteile und Diskriminierungen zu unserem Alltag gehören und es auf den Kontext ankommt, welche Wirkung sie entfalten. In Finzens Buch finden sich kaum medizinische Detailinformationen. wohl aber reichlich sozialpsychiatrischer Diskussionsstoff.

Eine klare Gliederung und prägnante Sprache machen den Text gut verständlich und jedem Leser klar: Stigmatisierung ist ein Thema, das uns alle angeht. 

Literatur

Asmus Finzen
 „Stigma psychische Krankheit, zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzuweisungen und Diskriminierungen"
184 Seiten, Psychiatrieverlag 2013, 19,95 Euro
ISBN 978-3-88414-575-3

Christian Eggers
„Schizophrenie des Kindes- und Jugendalters"

524 Seiten, MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1. Auflage (März 2011),
ISBN-10: 3941468391
ISBN-13: 978-3941468399,
69,95 Euro, als Paperback 29,95 Euro

www.gerald-huether.de

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