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„Ich bin glücklich über diese Chance”

„Ich bin glücklich über diese Chance”

Der 29-jährige Hassan leidet an einer paranoiden Psychose. Menschen mit einer solchen Erkrankung haben Wahnvorstellungen, können Stimmen hören, die nicht da sind, sich ohne Grund verfolgt fühlen. Als Hassan 17 war, schlich sich die Psychose zum ersten Mal in sein Leben. Es folgten immer wieder lange Krankheitszeiten, stationäre Klinik-Aufenthalte.

An einen Schulabschluss war nicht mehr zu denken.

Ein Arzt gab ihm den Rat, doch am besten gleich die Rente zu beantragen. „Wenn er mich heute sehen würde”, sagt der 29-Jährige. Ende Juni wird er seinen Fachoberschul-Abschluss in der Tasche haben. Dank eines deutschlandweit einmaligen Lehrgangs an der VHS.
Mit 14 anderen psychisch erkrankten jungen Leuten drückt Hassan für seinen Abschluss täglich die Schulbank in der Villa Rü.
Alle Teilnehmer teilen Hassans Schicksal. Ihr Leiden hat sie immer wieder aus der Lebensbahn geworfen, einen regelmäßigen Schulbesuch torpediert, sie oft zu Einsamen gemacht, zu denen „Gesunde” keinen Kontakt mehr haben wollten. Hassans Lerngruppe wird von einer Psychologin begleitet, die mit ihren Schülern den Umgang mit ihren Erkrankungen im Alltag trainiert. Denn diese haben - krankheitsbedingt - Hochs und Tiefs, müssen Medikamente einnehmen, die sie oft auch müde machen.

„Sie haben unserer Tochter das Leben gerettet”, sagten Eltern.

Ansonsten wird - wie in jeder Schule - von sieben Lehrern Deutsch, Mathe, Englisch, Bio, Geschichte und vieles mehr unterrichtet. Im VHS-Lehrgang werden junge Erwachsene aufgenommen, die ihre zehnjährige Pflichtschulzeit bereits durchlaufen haben. Es gibt eine Kooperation mit der Professor Dr. Eggers-Stiftung. Diese wurde 1997 unter Federführung des Psychiaters Prof. Christian Eggers gegründet. Der ehemalige Direktor der damaligen Rheinischen Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Essen betrachtet einen Schulabschluss für psychisch kranke junge Menschen als einen wichtigen Teil ihres Heilungsprozesses, wie der Mediziner betont. „Sie haben unserer Tochter das Leben gerettet”, haben Eltern zu Eggers gesagt, deren Tochter an einer Schizophrenie litt und an der VHS ihre Fachoberschulreife machte.

Auch für Celina Roesner ist der Lehrgang an der Volkshochschule ein ganz großes Geschenk. Die 19-jährige frühere Gymnasiastin hat sich aufgrund ihrer psychischen Erkrankung immer wieder selbst verletzt, saß „in einem tiefen Loch, aus dem ich nicht mehr herausfand”. Es folgten Aufenthalte in der Psychiatrie. Celina verließ die Schule. „Jetzt werde ich von den Mitschülern nicht mehr ausgegrenzt, wie ich es früher erlebte. Wir sind hier alle krank und halten zusammen.”

Celinas Ziel: das Abi nachmachen und dann einen sozialen Beruf erlernen. Hassan wird mit seinem Schulabschluss im September eine überbetriebliche Ausbildung als Fachangestellter für Bürokommunikation beginnen. „Ich bin sehr glücklich über diese Chance”, sag der 29-Jährige und lächelt einmal.

Der erste Lehrgang startete 2006

  • Der erste Prof. Dr. Eggers-Lehrgang für psychisch Kranke an der VHS begann 2006. Durch ihn können Teilnehmer einen Hauptschul-Abschluss oder die Fachoberschulreife erwerben. Die VHS kooperiert auch mit dem Ni-kolaus-Groß-Abendgymnasium in Essen, an dem Kursteilnehmer das Abi machen können.

  • Die VHS arbeitet bei ihrem bundesweit einmaligen Lehrgang mit der Professor Dr. Eggers-Stiftung zusammen (www.eggers-stiftung.de). Diese will psychisch kranken jungen Menschen helfen, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Die Stiftung ist unter anderem Trägerin der stationären Jugendhilfe-Einrichtung Trialog, des ambulant betreuten Wohnens für junge psychisch Kranke in Essen.

  • Laut Experten haben 70 bis 80 Prozent der Menschen, die an einer schweren psychischen Krankheit leiden, im Alter von 30 Jahren keinen Schulabschluss.

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