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Fußball als Therapie

Die Spieler Sebastian, Marcel und Dominik gehören zum Kader der „dritten Mannschaft“von RWE, in dem auch Spieler mit psychischen Erkrankungen vertreten sind. Dafür erhielt das Team einen Medizinpreis. FOTO: KONOPKA

Die dritte Mannschaft des Traditionsclubs Rot-Weiss Essen spielt in derKreisliga C und ist offen für Spieler mit psychischen Problemen oder Krankheiten.

Von Martin Spletter (WAZ 21. Januar 2016 )


Sie haben es nie an die große Glocke gehängt. Vielleicht auch, um die Spieler vor Anfeindungen zu schützen. Doch spätestens seit dem Ende des letzten Jahres, als das Team einen bundesweit renommierten Medizinpreis einheimste, ist das Thema in der Welt: Die dritte Mannschaft des Fußballclubs Rot-Weiss Essen vereint etwa je zur Hälfte gesunde Spieler und solche mit psychischen Erkrankungen.

Das honorierte die angesehene Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) zuletzt mit dem „Antistigma-Preis 2015“, einer Auszeichnung, die Projekte unterstützt, die sich für mehr Akzeptanz von psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft stark machen.

Sebastian (29) sagt: „Man wird hier so aufgenommen, wie man ist. Mal gewinnen wir, mal verlieren wir. Der Zusammenhalt ist immer super, egal, wie das Spiel ausgeht.“ Und Dominik (26) ergänzt: „Das macht hier einfach Spaß“, während Marcel (27) betont: „Ohne das Training und die Spiele würde mir wirklich etwas fehlen.“ Dies sind drei Männer von vielen aus dem Kader, die mit psychischen Krankheiten oder Suchtproblemen in der Vergangenheit kämpfen mussten. Und heute noch kämpfen.

Zweimal wöchentlich wird in Altenessen trainiert. Der Sport bietet Rückhalt, Stabilität, Akzeptanz. Eine Tatsache, die auch von Medizinern wiederholt bestätigt wird (siehe Text rechts).

„Diese Mannschaft verdient besonderen Respekt, denn sie spielt nicht nur Fußball, sondern sie meistert auch die Probleme ihrer Handicaps“, sagt Trainer und Betreuer Benjamin Di Biasi (37). Der gelernte Sozialarbeiter ist eigentlich Mitarbeiter der Christian-Eggers-Stiftung, die sich um psychisch kranke Kinder und Jugendliche kümmert.

Vor Jahren hatte er die Idee, ein Team zu gründen – mit Spielern ohne und Spielern mit Handicaps. Seine Idee stellte er verschiedenen Clubs vor, und ausgerechnet RWE, Essens berühmtester Fußballverein, sagte zu.

Dem Club-Boss Michael Welling hatte das Projekt sofort gefallen. „Viele andere Vereine waren zögerlich“, berichtet Di Biasi in einem beeindruckenden Report über die Entstehungsgeschichte der „dritten Mannschaft“: Was ist, hieß es kritisch, wenn die Spieler ausrasten, wenn es Rückfälle gibt ? Heute, drei Jahre nach Teamgründung, weiß man: Ausraster sind ein Problem im Amateursport, die wöchentlichen Berichte von Spielabbrüchen zeugen davon.

Bloß: „Team drei“ von RWE ist nie beteiligt. „Wir müssen bei den Spielen oft mit Anfeindungen kämpfen“, erzählt Sanitäter Siegfried Liebing (65), der das Team ehrenamtlich betreut. „Viele glauben, wir sind für die anderen nur ‘ne Schießbude.“

Dabei wurden die anderen Clubs schnell eines Besseren belehrt: Gleich die erste Saison endete für das Team auf Platz acht. Für die Leute, die hinter der Mannschaft stehen, geht es dabei weit mehr als um sportliche Betreuung: „Wir sind auch in privaten Schwierigkeiten für die Spieler da“, erzählt Di Biasi. „So haben wir schon manche vor Obdachlosigkeit oder anderen großen Problemen retten müssen.“

Und, ja, Rückschläge gibt es auch: Nicht alle Spieler halten durch, können im Team bleiben. Doch „RWE III“ tritt weiter an – angepeiltes Saisonziel in diesem Jahr: Platz zehn.

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